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Buchbeispiele

In der Gosse wirst du landen

Auszug aus dem Buch "In der Gosse wirst du landen - Porträts von Frauen, die aus der Reihe tanzen"

Verena ist 1932 in der Nähe von Zürich geboren. Sie hat an den verschiedensten Orten auf allen Kontinenten dieser Welt gelebt. Zur Zeit macht sie eine Ausbildung als Krankenschwester auf Hawai. Sie spricht mindestens acht Sprachen. Sie ist eine einfache Frau.

"Erzähl was aus deinem Leben", fordere ich sie auf. "Ich?" fragt sie ohne jegliche Koketterie "was ist denn daran so besonderes?" "Furcht, kennt sie die?" "Ja, ein paarmal gab es gefährliche Situationen, aber die gibt es ja wohl in jedem Leben, und so klingt die Schilderung ihres Lebens auch wie der Ablauf ganz gewöhnlicher Ereignisse. Unvorstellbar, sie auf einer Party aufgescheucht von ihrem ach - so - aufregenden Schiffbruch plaudern zu hören. Denn die Dinge, die sie bewegen, sind andere: Sind die Bäume die ich damals gepflanzt habe, gut gewachsen?

"Furcht, kennt sie die?" "Ja, ein paarmal gab es gefährliche Situationen, aber die gibt es ja wohl in jedem Leben."

Ich sah sie in der Stadt auf dem Weg zu einer geschäftlichen Besprechung. Schlank, grazil, elegant aber dennoch unkonventionell, ja auffällig, zwischen all den Kostümen in grau und blau. Sie trug mit ihren 63 Jahren rote Strümpfe, die der Form ihrer Beine und ihrem beweglichen, leichten Gang durchaus angemessen waren. Aber ich hatte Schwierigkeiten, dieses Bild der povokanten roten Strümpfe, des zurückgeworfenen Kopfes, als sie durch die Menge ging, in Einklang zu bringen mit der Frau auf dem Lande, die für uns zum Mittagessen grünen Spargel gepflückt und ein paar Eier von den Hühnern eingesammelt hatte. "Sie kann eben beides", dachte ich mir, aber klar war mir noch nicht, wo es sich trifft, und ich sollte noch mehr, noch andere Seiten von ihr kennen lernen. Als enthusiastisch wird sie von anderen beschrieben, die sich z.B. daran erinnern, wie sie mit dem Auto auf einer Landstrasse an ihr vorbeifuhren, und sie ohne Mühe mit einem Satz auf eine mannshohe Mauer sprang und ihnen zuwinkte, um auf sich aufmerksam zu machen. Man redet von ihr als einer Frau, die sich nicht aus der Ruhe bringen läßt, die monatelang in völliger Einsamkeit gelebt hat, dabei aber immer offen war für andere Menschen, für neue Erfahrungen.

"Ich mochte die Schweiz nicht, ich bin von dort schon abgehauen als ich siebzehn war. Mit 20, 1953, bin ich wieder weg, war unterwegs mit einer Freundin per Autostop in Spanien. Damals war Spanien noch ganz wild und ich wollte das Abenteuer, das unkonventionelle Leben. Als wir kein Geld mehr hatten, machten wir uns auf den Heimweg. In der Nähe von Barcelona wurden wir aufgelesen. Es kamen zwei MG`s, in dem ersten waren zwei Engländer, die nahmen meine Freundin mit, und der Amerikaner im MG hintendran, na, der mußte mitnehmen, was auf der Straße geblieben war, das war ich. Diesen Mann, Dave, sollte ich später heiraten.

Unsere zukünftigen Reiseziele wurden bestimmt durch seine Arbeit als Geophysiker bei einer Ölfirma.

Ich hatte mich in diesen Mann verliebt, als er mich im Auto mitgenommen hatte. Aber das Wichtigste war wohl das Abenteuer. Sonst hätte ich einen anderen Mann gefunden, mit dem ich all das hätte machen können.

In Australien lebten wir zwei Jahre lang. Ich habe erst als Küchenmädchen gearbeitet, später im Busch, im Nordwesten, als Krankenschwester.

Auf den Philippinen bekam ich ein Kind, unsere Tochter, und von da an habe ich privatisiert. Aber ich habe weiterhin viele Abenteuer erlebt. Ich bin auf den Philippinen viel marschiert, habe die Kopfjäger besucht, ging fischen.

Einmal erlebte ich einen Schiffbruch auf dem chinesischen Meer. Ich fuhr mit einem Fischer auf einem kleinen Schiff nachts zum Fischen raus. Wir sind wohl zu weit rausgefahren, und als ein Sturm aufkam, wurde unser Boot mit Wasser überspült. Das Schiff fiel dann auseinander. In der zweiten Nacht waren nur noch ein paar Holzstücke übrig. Mittags entschied ich mich, an die Küste zu schwimmen und Hilfe zu holen. Ich dachte, da wo ich die Lichter der Fischerboote gesehen hatte, müßte auch die Küste sein, und ich müßte gegen abend auf die Boote treffen. Ich fing also an zu schwimmen, ich nahm ein Stück Holz mit, unterwegs fand ich ein paar Algen, die ich aß, und eine Krabbe schwamm in die Tasche meiner Shorts, die aß ich auch. Gegen drei Uhr kam ein Schiff. Ich fing an zu winken, aber es fuhr vorbei, hielt dann plötzlich an und ich hörte Ketten rasseln, sie ließen ein Rettungsboot runter und nahmen mich auf. Mein Glück war, daß dieses Schiff ein anderes schleppte und deshalb langsam fuhr, sonst hätten sie mich nicht gesehen. Wir haben den Fischer gesucht, aber er wurde nie gefunden. Ich kam dann mit diesem japanischen Schiff wieder in Manila an.

Das war eins der Abenteuer hier.

Wir gingen nach Saudi - Arabien. Das war sehr interessant vor 30 Jahren, es war wie in Tausendundeiner Nacht. Ich lernte arabisch, man mußte es einfach, sonst wurde dort keine andere Sprache gesprochen, und ich lernte es recht gut. Dadurch hatte ich Kontakt zu den Frauen und ging in die Harems. Ich war in vielen Harems, ich habe mich für das Leben dieser Frauen interessiert, und es war nicht so sehr verschieden von dem westlicher Frauen, sie hatten ähnliche Probleme, wie zB. damals "die Pille", sie waren zwar eingeschränkter, mehr angebunden, dafür aber beschützter...

In Libyen erlebten wir die Machtübernahme durch Ghaddafi, wir hatten zwei Jahre in Bengasi gelebt, und während des Sechs - Tage - Krieges mit Israel mußte ich mit den beiden Kindern fliehen. ...

Danach haben wir noch zwei Jahre in Tripolis gelebt, und dann wurden wir wieder rausgeschmissen, weil mein Mann keine Arbeitserlaubnis mehr erhielt, sie wollten all die Ausländer nicht mehr. Ich hatte in einer Lepra -Klinik gearbeitet.

Ich mache gerade eine Ausbildung als Krankenschwester am College, die dauert noch ein Jahr, und dann gehe ich in ein peace- corps und dann werde ich wieder reisen. Mein Mann ist 1994 gestorben.

"Aber ich sage mir auch, ich habe ein gutes Leben gelebt und irgendwann muß ja mal Schluß sein, wir werden alle sterben. "

Ich mache mir jetzt mehr Gedanken um meine Gesundheit. Wenn ich reise überlege ich: was gibt es dort für Krankheiten, möchte ich z.B. wirklich diese bösartige Malaria kriegen? Mit dem Alter denkt man doch ein wenig mehr an die Zukunft. Aber Angst habe ich eigentlich nicht. Ich habe mich ein paar mal gefürchtet, beim Schiffbruch und in Lybien. Ich habe keine Angst, weil ich meine Grenzen kenne, und die liegen jetzt in meinem Alter.

Aber ich sage mir auch, ich habe ein gutes Leben gelebt und irgendwann muß ja mal Schluß sein, wir werden alle sterben. Dann denke ich wieder, vielleicht wirst du fürchterliche Schmerzen haben und frage mich: willst du das ertragen? Aber dann kommt wieder die Abenteuerlust, etwas Neues zu erfahren.

Ich bin jetzt wieder bereit zu gehen. Ich kann mein Haus verkaufen und dann bin ich frei. Ich bin nicht sehr anspruchsvoll und möchte nicht die Sklavin meiner Gewohnheiten sein. Ich mag gerne eine Tasse Kaffee am Morgen, aber ich möchte auch aufstehen und den Kaffee vergessen können, und nur spazierengehen."


In der Gosse wirst du landen

Auszug aus einem Artikel über David Copperfield

Mit 12 Jahren wird David Kotkin, Sohn russischer Einwanderer, 1968 als jüngster Magier in die "Society of American Magicians" aufgenommen. Was folgt, ist eine klassische Bilderbuchkarriere, deren Exotik durch eben das Metier unterstrichen wird, dem sich der Junge zugewandt hat: Magie, Täuschungskunst zu Zwecken der Unterhaltung. 1978 erkennt Orson Welles das unglaubliche Talent des Jungen und David bekommt seine erste eigene Fernsehshow, die ungewöhnlich hohe Einschaltquoten erringt.

Die deutschen Zauberer lassen sich von dem Zeitpunkt an die frischen Copperfield-Videos aus Amerika schicken und müssen staunend anerkennen, daß kein hiesiger mit seiner Persönlichkeit und Präsentation an den Youngster heranreicht, ja mehr noch, dieser Gaukler als echter Eis-und Herzensbrecher sogar erst zeigt, wie ein Magier-Schauspieler heute überhaupt legendenbildend auftreten kann. Und nur darauf scheint es in der Zauberei anzukommen.

Er tourt durch die ganze Welt und gibt bis zu 500 Vorstellungen pro Jahr. Längst bedient er sich eines verschwiegenen Braintrusts von Zauberern, Choreographen und Technikern, die ihm bei der Verwirklichung seiner Phantasien zur Seite stehen, deren Zeitgeist elementarer Teil des amerikanischen Traums sind.

"Ich versuche Zauberei nicht so zu behandeln, als ob sie nur aus Tricks bestünde, ich versuche die Zuschauer mitzunehmen und sie selbst mit und durch die Zauberei zu bewegen. Es ist mehr wie im Kino: wenn du E.T. siehst magst du das Gefühl, das durch E.T. erzeugt wird. Ich versuche, das gleiche mit Magie, ich nehm sie mit auf einen Trip, wenn ich zaubere, es geht nicht nur darum, daß ich in der linken Hand eine Münze verschwinden lasse und sie erscheint dann in der rechten Hand. Da ist noch ein bißchen mehr...."

Die Verführung der Massen geschieht nach Plan: in den frühen 80ern zeigt der Meister aller Klassen, wie man sich überflüssiger Technologie entledigen kann und steigert diese Illusion. 1986 gelingt es ihm, in Cooperation mit den Behörden in Peking, durch die chinesische Mauer hindurchzugehen, später wird ihm die Flucht aus dem Gefängnis in Alcatraz viel Reputation bringen. 1989 wird für den Mann, der am liebsten Schwarz und Weiß trägt das Jahr mit seiner bis dahin "gefährlichsten" Nummer. Man legt ihn angekettet in den Safe eines Hochhauses, das man während seines Befreiungsaktes in die Luft sprengt.

Frage: Wie machen Sie das nur? Gegenfrage Copperfield:" Können Sie ein Geheimnis für sich behalten?"

"Na klar !" "Nun, ich auch." Stille.

"Wie machen Sie das nur? Gegenfrage Copperfield: "Können Sie ein Geheimnis für sich behalten?"

1992 haut er seine Fans, die Millionen zählen, endgültig von den Stühlen und die Hysterie der Zauberei-entwöhnten Massen erreicht einen vorläufigen Höhepunkt, als er zeigt, daß er auch noch fliegen kann: ohne daß irgendwelche Seile, Hebebühnen etc. sichtbar wären, schwebt er über die Bühne- zuletzt unter härtesten "Testedingungen" und mit einer Zuschauerin im Arm. Das ist Maya in Perfektion und optisch total abgefahren. D.C. sagt selbst, dies sei bislang seine "coolste" Nummer; eine bis dato in dieser Komplexität nicht vorgeführte Illusion, die den Flugadepten 8 Jahre Entwicklungszeit gekostet hat und Laien im Endeffekt völlig umhaut. Seine schärfsten Kritiker, derer er sich in den USA zu erwehren hat, finden sie etwas "overdone", sprich kitschig. Dennoch: auf daß das erweiterte Flugwerk Peter Pans helfen möge, dem Theater als Spielraum neuen Glanz zu verleihen. Wie wertvoll diese Nummer wirklich ist, kann nur erahnen, wer gesehen hat, wie erwachsene, distinguierte Herrschaften am Ende dieses Kunststücks mit nassen Augen endlos klatschend auf ihren Theaterstühlen stehen - und für einen langen Moment in ihrem kurzen Leben in das Land der Illusionen abgewandert sind. Ob Sie es glauben oder nicht- anschließend leuchten diese Menschen.

Now You See It, Now You Don't.


Ernst Reuter

Auszüge aus der Dokumentation : "Ernst Reuter, ein politisches Leben"

Wir schreiben den 9. September 1948. Aufgerufen von den demokratischen Parteien haben sich 350.000 Berliner vor dem Reichstag zur gewaltigsten Kundgebung der Nachkriegszeit versammelt. Sie protestieren gegen den sowjetischen Druck auf Berlin, gegen die Abspaltung des Ostsektors.

Seit nunmehr 77 Tagen versucht die sowjetische Militärmacht die Integration der drei Berliner Westsektoren in das Währungs-, Wirtschafts- und Politikgefüge des sich neu abzeichnenden westdeutschen States zu verhindern. Das Druckmittel: die Blockade Berlins.

Der deutsche Politiker, der weltweit zum Synonym für den Durchhaltewillen der Berliner während der Blockade wurde, ist ihr Oberbürgermeister Ernst Reuter. In diesem kritischen Jahr ist er 59 Jahre alt. Der Kampf um die Freiheit Berlins ist der Höhepunkt seines wechselvollen und ungewöhnlichen Lebens.

Geboren wurde Ernst Reuter noch in der Kaiserzeit. Am 29. Juli 1889 erblickte er in Apenrade in Nordschleswig das Licht der Welt. Der Vater, Wilhelm Reuter, ein ehemaliger Kapitän der Handelsmarine war damals Lehrer an der königlich-preußischen Navigationsschule in Apenrade. Ernst war der fünfte von sechs Söhnen. Im Alter von zwei Jahren wäre er beinahe an Scharlach gestorben. Er bleibt zeitlebens der Liebling der Mutter Karoline.

Von 1892 an lebten die Reuters im ostfriesischen Leer, in das der Vater als Leiter der Steuermannsklasse versetzt worden war. Geachtet, aber etwas isoliert, führten die Reuters unter dem praktischen Regiment der Mutter ein einfaches Leben. Der Vater hatte vielfältige wissenschaftliche und literarische Interessen: Geschichte und Dichtung, Astronomie und Völkerkunde. Und er ist ein gläubiger Christ.
Das dritte Element, das die Atmosphäre des Elternhauses bestimmte, war die Liebe des alten Reuter zu Volk und Vaterland. Eine reichstreue, aber romantische Haltung, die mit dem aufkommenden Hurra-Patriotismus großer Teile des deutschen Bürgertums nichts zu tun hatte.

"Der ewige Friede ist ein Traum" - Moltkescher Zusatz: "...und nicht einmal ein schöner."

Der junge Ernst Reuter ist Pazifist. Sein Primaner-Aufsatz zu dem Schiller Zitat "Der ewige Friede ist ein Traum" - Moltkescher Zusatz: "...und nicht einmal ein schöner" - ist ein leidenschaftliches Plädoyer für den Frieden und gegen die allseits beliebte Verherrlichung der deutschen Flottenrüstung.

Ernst Reuters Gegenposition zum wilhelminischen Nationalismus wurzelt in seinem Bekenntnis zur christlichen Ethik. In seinem Abituraufsatz formuliert er: " Denn die Herrenmoral eines Nietzsche, der sein Ideal in der blonden Bestie sieht, die alles niedertritt was sie hemmt, ist das direkte Gegenteil zur Lehre Christi. Darum müssen wir uns darüber klar werden, auf wessen Seite wir stehen wollen, und die Gestalt des Heilands verlangt gebieterisch, das wir uns entscheiden."

Audiobeispiele

Arno Black

Ausschnitt aus der SFB-Sendung
"Die Herausforderung zum Tanz auf dem Seil"
über den Universalartisten Arno Black

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Tante Greti

Ausschnitt aus der Sendung für den NDR
"Auch eine deutsche Biografie - Tante Greti wird 100 Jahre alt"

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Videobeispiele

Erinnerungen einer alten Dame

 

 Der Gartenkünstler Ben Wargin

Fotografiebeispiele

Fotografien aus der Reihe: "Persönlichkeiten des deutschen Theaters"

Der Theaterkritiker Friedrich Luft

Der Theaterkritiker Friedrich Luft

Der Theaterregisseur Peter Stein

Der Theaterregisseur Peter Stein

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